Immer wieder höre ich Sätze wie „Die schwarzen Eichhörnchen verdrängen die roten“ oder „Das sind doch diese invasiven Eichhörnchen aus Amerika.“ Dieser Mythos hält sich hartnäckig, ist aber schlichtweg falsch. Schwarze Eichhörnchen sind in Deutschland keine invasive Art. Sie gehören genauso zur heimischen Population wie die rotbraunen Tiere.
Wer an Eichhörnchen denkt, hat wahrscheinlich zunächst ein rotbraunes Tier vor Augen. Doch unser heimisches Eurasisches Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) kann ganz unterschiedliche Fellfarben und Färbungen haben. Neben den bekannten rotbraunen Tieren gibt es auch braune, dunkelbraune und beinahe schwarze Eichhörnchen.
Dabei sind die Übergänge oft fließend. Es gibt beispielsweise Tiere mit rotbraunem Fell und einem deutlich dunkleren Schwanz oder Tiere mit hellerem Dunkelbraun mit rötlichen Übergängen zum weißen Bauchfell. Von kräftigem Fuchsrot über verschiedene Braun- und Mischfärbungen bis hin zu sehr dunklen, fast schwarzen Tieren ist vieles möglich. Tatsächlich gibt es sogar sehr, sehr selten weiße Eichhörnchen. Solche Tiere sind jedoch eine absolute Rarität.
Wie häufig die verschiedenen Fellfarben vorkommen, unterscheidet sich außerdem je nach Region. In manchen Gegenden sieht man deutlich häufiger dunkle Eichhörnchen als in anderen. Auch hier in Augsburg begegnet man relativ häufig dunkelbraunen bis fast schwarzen Tieren. Ich habe das Gefühl sogar häufiger als rotbraunen Eichhörnchen.
Immer wieder werden dunkelbraune oder schwarze Eichhörnchen für Amerikanische Grauhörnchen gehalten. Gerade im Winter kann diese Verwechslung auf den ersten Blick nachvollziehbar erscheinen: Unser Eurasisches Eichhörnchen bekommt ein dichteres Winterfell, das häufig deutlich grauer wirkt. Ein Eichhörnchen kann dadurch im Winter plötzlich wesentlich grauer aussehen als im Sommer.
Trotzdem sind die beiden Arten bei genauerem Hinsehen gut zu unterscheiden:
Das Eurasische Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) ist kleiner und zierlicher gebaut. Es erreicht etwa 20 bis 25 Zentimeter Körperlänge und wiegt ungefähr 230 bis 400 Gramm. Das Amerikanische Grauhörnchen (Sciurus carolinensis) ist dagegen deutlich größer und kräftiger. Es erreicht etwa 23 bis 30 Zentimeter Körperlänge und wiegt ungefähr 400 bis 700 Gramm. Das Grauhörnchen wirkt dadurch insgesamt gedrungener und massiger.
Ein weiteres auffälliges Merkmal sind die Ohrpinsel. Beim Eurasischen Eichhörnchen sind sie im Sommer sehr kurz. Erst im Herbst beginnen sie zu wachsen und sind in den kalten Monaten deutlich zu sehen. Das Grauhörnchen hat grundsätzlich keine Ohrpinsel. Seine Ohren bleiben ganzjährig „kahl“.
Auch der Schwanz verrät einiges, wenn man genau hinschaut. Beim Grauhörnchen sind die einzelnen Schwanzhaare gebändert und haben auffällige weiße Spitzen. Dadurch entsteht um den Schwanz herum ein heller, fast weißer Saum, der oft als „Halo“ bezeichnet wird.
Beim Eurasischen Eichhörnchen können die einzelnen Schwanzhaare dagegen durchaus unterschiedliche Farbnuancen zeigen. Der Schwanz kann je nach Tier und Färbung beispielsweise rötlich, braun, gräulich oder sehr dunkel wirken. Was ihm fehlt, ist die typische Bänderung der einzelnen Haare mit den deutlich weißen Spitzen und der dadurch entstehende weiße Halo des Grauhörnchens.
Auch die Körperform unterscheidet sich. Das Eurasische Eichhörnchen wirkt eher schlank und zierlich, während das Grauhörnchen kräftiger und gedrungener gebaut ist. Der Größenunterschied ist allerdings bei Jungtieren nicht immer eindeutig, weshalb man immer mehrere Merkmale zusammen betrachten sollte.
Und noch einmal ganz, ganz wichtig: Die Fellfarbe ist kein zuverlässiges Bestimmungsmerkmal. Eurasische Eichhörnchen können von fuchsrot über verschiedene Braun- und Grautöne bis hin zu fast schwarz gefärbt sein. Umgekehrt können auch Grauhörnchen außerhalb ihres typischen Graus rötliche Farbtöne zeigen.
Für Deutschland gilt: Hier gibt es keine wild lebenden Amerikanischen Grauhörnchen. Ein schwarzes oder dunkelbraunes Eichhörnchen, das man hier in der Natur beobachtet, ist kein amerikanischer Einwanderer, sondern ein Eurasisches Eichhörnchen mit einer natürlichen dunklen Fellfärbung und genauso hübsch und liebenswert wie ein rotbraunes Eichhörnchen.
Der Glaube, schwarze Eichhörnchen seien invasiv oder würden unseren heimischen rotbraunen Eichhörnchen schaden, ist nicht nur sachlich falsch. Er kann auch dazu führen, dass dunkle Eichhörnchen unnötig abgelehnt oder sogar als vermeintliche Problemtiere betrachtet werden.
Schwarze und dunkelbraune Eichhörnchen sind genauso heimisch wie rotbraune Eichhörnchen. Sie gehören zur selben Art und stellen keine Gefahr für die rotbraune Population dar. Auch ökologisch unterscheiden sie sich nicht von ihren helleren Artgenossen. Sie erfüllen dieselbe Rolle im Wald, in Parks und in unseren Gärten.
Es gibt deshalb keinerlei Grund, schwarze Eichhörnchen zu bekämpfen. Sie sind keine eingewanderte Konkurrenz und keine Bedrohung für unsere heimischen Eichhörnchen, sondern einfach nur eine natürliche Farbvariante unserer eigenen Art, so wie auch Menschen unterschiedliche Haarfarben haben.
Gerade deshalb ist es wichtig, mit dem Mythos aufzuräumen: Ein schwarzes Eichhörnchen ist nicht weniger heimisch als ein rotes.
Die Verteilung der verschiedenen Fellfarben ist in Deutschland tatsächlich nicht überall gleich. Für Bayern läuft eine Studie des BUND Naturschutz Bayern e.V. zur Verteilung der Farben bei Eichhörnchen in Bayern. Daraus geht hervor, dass man beispielsweise in Nordbayern überwiegend rotbraune Eichhörnchen sieht, während man in Ost- und Südbayern deutlich häufiger dunkelbraunen bis fast schwarzen Tieren begegnet. In manchen Übergangsgebieten halten sich die verschiedenen Färbungen ungefähr die Waage.
Besonders häufig kommen dunkle Tiere in höheren Lagen und in Regionen mit ausgedehnten Nadelwäldern vor. Auch Untersuchungen aus anderen europäischen Gebieten zeigen einen Zusammenhang zwischen dunkler Fellfärbung und Lebensräumen mit vielen Nadelbäumen, insbesondere Fichten und Tannen.
Eine mögliche Erklärung ist die Tarnung. In einem dunklen Nadelwald kann ein sehr dunkles Eichhörnchen weniger auffallen als ein leuchtend rotbraunes Tier. Allerdings lässt sich die regionale Verteilung der Fellfarben nicht auf einen einzigen Grund reduzieren. Auch Klima und andere Umweltbedingungen können eine Rolle spielen.
Spannend ist auch zu sehen, wie unterschiedlich die Farben innerhalb eines Wurfs sein können. Wir konnten das hier bei unseren Eichhörnchenkindern immer sehr gut beobachten: Bei uns kommen immer wieder rotbraune und schwarzbraune Jungtiere im selben Wurf vor. Die Mütter waren dabei lustigerweise immer rotbraun, während die Väter dunkelbraun bis schwarzbraun waren. Wir hatten hier mehrere Weibchen, die sich immer wieder dunkelbraune bis schwarze Männchen als Partner gesucht haben. Eine Kombination anders herum, mit einer dunklen Mutter und einem rotbraunen Vater, hatten wir bislang noch nicht. Ob das einfach mit der regionalen Verteilung zusammenhängt oder ob unsere Eichhörnchenweibchen vielleicht einfach einen kleinen Faible für dunkle Typen haben, lassen wir hier einfach mal offen. 😉
Und selbst bei der gleichen Farbkombination der Eltern kann das Ergebnis ganz anders aussehen. Wir hatten bereits einen Wurf mit einer rotbraunen Mutter und einem schwarzbraunen Vater, bei dem die Jungen anschließend mittelbraun waren.
Auch bei zwei dunklen Eltern können die Jungen durchgehend dunkel oder rotbraun sein. Daraus lässt sich aber nicht die einfache Regel ableiten, dass die dunkle Fellfarbe grundsätzlich dominant ist. Bei unserem Eurasischen Eichhörnchen ist die genetische Grundlage der Fellfarbe wesentlich komplexer. Die Fellfarbe der Eltern lässt sich nicht einfach wie eine Farbformel auf die Jungen übertragen. Innerhalb eines Wurfes können so unterschiedliche Farbtöne entstehen, von sehr hellrotbraun über verschiedene Braunnuancen bis hin zu fast schwarzen Tieren.
Gerade diese Vielfalt macht die Fellfarben unserer Eichhörnchen so interessant und jeder Wurf ist immer wieder eine tolle Überraschung.
Ob rostrot, graubraun, dunkelbraun oder fast schwarz: Wer in Deutschland einem Eichhörnchen begegnet, hat es mit unserer heimischen Art, dem Eurasischen Eichhörnchen (Sciurus vulgaris), zu tun. Die unterschiedlichen Fellfarben haben nichts mit der Herkunft der Tiere zu tun, sondern sind natürliche Varianten innerhalb dieser Art.
Schwarze Eichhörnchen sind keine invasive Spezies. Sie sind genauso heimisch und schützenswert wie ihre rotbraunen Artgenossen und gehören ganz selbstverständlich zur Vielfalt unserer heimischen Natur.
Wenn du also das nächste Mal einem schwarzen Eichhörnchen begegnest, weißt du: Es ist kein Eindringling, sondern ein ganz normales heimisches Eichhörnchen mit einer besonders dunklen Fellfarbe, das genauso liebenswert ist, wie ein rotbraunes Eichhörnchen.
Nicole Reimer
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